Corona medial

Um es vorwegzunehmen – ich glaube nicht, daß die Corona-Krise ein Vehikel ist, andere gesellschaftliche, vor allem finanzpolitische Probleme zu lösen. Und nein, ich glaube auch nicht, daß SARS-CoV-2 weniger gefährlich ist als ein „normales" Influenza-Virus. Wissen können wir hier im besten Fall a posteriori...

Ich weiß aber, daß wir über zig Krankheiten, Krisen, vermeidbare alltägliche Risiken mit immensen Konsequenzen hinsichtlich der Mortalität, gewohnheitsmäßig nicht reflektieren, auch weil sie medial nicht präsent sind. Des weiteren ist in den letzten Jahren in Deutschland eine abnehmende Distanz des etablierten Journalismus zur politischen Elite zu beobachten. Regierungssprecher Seibert steht hier exemplarisch für die Verschmelzung der politischen und der de facto vierten Macht im Staate, dem Journalismus. Diese Annäherung hat nun auch fast den gesamten kabarettistischen Sektor erreicht und durchdrungen. Damit gehen gesellschaftspolitische Korrektive verloren.

Wie so oft in den letzten Jahren geht diese Entwicklung mit einer „begrifflichen Revolution“ einher. Typisch geworden sind inzwischen auch die für eine Demokratie befremdlichen Formen der Attacke (persönliche Angriffe bis hin zur öffentlichen Erniedrigung) gegen alle, welche die offizielle Linie – egal ob aus guten oder eher fragwürdigen – Gründen, infrage stellen. Ob das die Ursache oder die Folge einer allgemein verrohenden und immer mehr auf Polarisierung getrimmten Diskussionskultur ist, mag dahingestellt sein. Gesellschaftlich ist das eine Katastrophe, weil so kein gesellschaftlicher Ausgleich mehr hergestellt werden kann. An einer mangelnden Fähigkeit zum sachorientierten Diskursiv ist schon die DDR grandios gescheitert. Es ist, als wenn man seinen Arzt totschlägt, anstatt mit dem Rauchen aufzuhören, nur weil man die Worte des Mediziners nicht mehr hören kann und ihn überhaupt unsympathisch findet. Keine kluge Strategie…

Wie sich die Morbidität der aktuellen Epidemie entwickeln wird und welche politischen und ökonomischen Konsequenzen sie haben wird, werden wir – zumindest was die sozial-medizinischen Konsequenzen wie nicht zuletzt der Mortalität – frühestens in einem Jahr sagen können, wenn wir die Datenreihen mit den denen der Vorjahre vergleichen können. Alles andere sind Momentaufnahmen, methodisch mehr oder weniger brauchbare, oder reine Erwartungen, die auf mehr oder weniger soliden Ausgangsannahmen beruhen.

Womit wir beim Expertenstreit wären. Egal ob die Experten Droste, Bhakdi, Wodarg, Hockertz oder wie auch immer heißen – warum müssen sachliche Dispute und Differenzen medial mit persönlichen Angriffen, Überheblichkeit und Ignoranz gekontert werden? Warum verstehen Journalisten nicht mehr, daß man auch oder gerade mit guter Expertise zu unterschiedlichen Resultaten kommen kann? Schauen wir nur mal in den juristischen Bereich. Der Juristen, vier Meinungen. Haben wir uns längst dran gewöhnt. Wie haben im Rechtswesen überall mehrere Instanzen, eben weil eine identische Ausgangslage auf guten Gründen unterschiedlich interpretiert werden kann! Heißt das, daß unser Rechtssystem nichts taugt, weil nur, die am Ende Recht behalten, etwas vom Metier verstehen? Wohl kaum. Es ist wohl eher eine Stärke jedes Systems, unterschiedliche Perspektiven und vor allem auch – den Irrtum – zuzulassen, um im Diskurs der Wahrheit so nahe wie möglich zu kommen. Die Ächtung des (vermeintlichen) Irrtums ist das Privileg autoritärer und gewalttätiger Ideologien – habt Ihr das vergessen? Auf welchem Weg sind wir?

Bitte mehr Gelassenheit, mehr Toleranz (nicht im im „neuen Sinne“ a lá ich bin tolerant solange Du keinen Unsinn erzählst und alles, was ich nicht so sagen würde, ist Unsinn), mehr Demut gegenüber dem eigenen Potential (vor allem von Menschen deren Job es ist, von Dingen zu schreiben, von denen sie eigentlich nichts verstehen). Mehr kritisches Vertrauen gegenüber den Experten (kritische heißt weder alles zu glauben noch alles aus reinem Selbstzweck infrage zu stellen; kritisch heißt zu hinterfragen und dabei auch die eigenen Grenzen zu erkennen). Kein emotionalisierender Sprachgebrauch – Ihr argumentiert, die Anderen schwadronieren, quietschen usw., als wären wir noch in Zeiten des „Stürmers"... Und bitte – wieder einen Journalismus, der Vielfalt zu leben vermag, der auch mal die Regierenden kritisch zu würdigen weiß, anstatt jede Form von Opposition als was auch immer zu diskreditieren und nur das nachzuplappern, was ihnen die Politik ins Mikrophon diktiert.

Noch leben wir in einer Demokratie, da sollte die Selbständigkeit der vierten Macht eigentlich selbstverständlich sein. Also fangt an, wieder Euren Job zu machen.