Experten und ,,Faktenchecker" - Teil 2: Hockertz

Hier ein Videobeitrag von Prof. Dr. med.Prof. Dr. Stefan Hockertz.
Dieses Video wurde vom „BR-Faktenfuchs" (es findet sich kein Name zur Autorenschaft, es wird indirekt auf eine Jeanne Turczynski verwiesen) kommentiert.
Mehr dazu unten.

Prof. Dr. Stefan Hockertz

Dieses Video wird im BR-Faktenfuchs" thematisiert.

 

27.03.2020, 20:37 Uhr
#Faktenfuchs: Aussagen des Immunologen Hockertz im Faktencheck


Im Netz kursiert ein Interview mit dem Immunologen Stefan Hockertz. Er kritisiert die Reaktion der Politik auf die Corona-Pandemie heftig. Für derartige Urteile ist es aber zu früh - eine Einordnung vom #Faktenfuchs.
Der Immunologe Stefan Hockertz hat in einem Radiointerview mit einem Berliner Privatsender gesagt: "Die Reaktion der Politik ist unverhältnismäßig, sie ist autoritär, sie ist rechthaberisch, sie ist maßlos." Zudem trifft Hockertz zahlreiche Aussagen über die Gefährlichkeit der Influenza und des Coronavirus, die zumindest verfrüht und teilweise ungenau sind. Das Interview verbreitet sich derzeit als Sprachnachricht auf Whatsapp und auf anderen Wegen.
Die BR-Gesundheitsexpertin Jeanne Turczynski ordnete die Aussagen von Hockertz bereits im Podcast Bayern 3 Update ein. Hier noch einmal die wichtigsten Stellen daraus im #Faktenfuchs


Das Video „kursiert“ also. Es wurde nicht veröffentlicht, es thematisiert nicht, es kursiert.

Der „Faktenfuchs“ (FF) ordnet also ein, gleich zweimal. Gut, zu einer Einordnung würde es ja nun einer gewissen sachlichen Expertise bedürfen, die der des Kritisierten allerdings nicht zwingend eins zu eins zu entsprechen hat. Aber sie sollte nicht bei Null liegen.

Der FF bezieht sich auf die „BR-Gesundheitsexpertin“ Jeanne Turczynski. Welche Expertise sie mit in den Journalismus gebracht hat, wird nirgendwo au der Website von BR dargelegt. Methodisch ist hier auch keine akademisch-geschulte Herangehensweise zu erkennen. Aber gut, das hier ist Journalismus.

 

 


Corona ähnlich gefährlich wie die Grippe?
Hockertz behauptet, das neuartige Coronavirus zeige in etwa die gleiche Gefährlichkeit wie die Influenza. Es werde nur schärfer beobachtet. Ähnliche Behauptungen stellte auch der Arzt Wolfgang Wodarg auf - dessen Aussagen wir in einem früheren #Faktenfuchs analysierten. Hockertz behauptet außerdem, dass die Zahl der Todesfälle nicht angibt, wie viele Menschen tatsächlich am Virus selbst gestorben sind. Dadurch wirkt die Gefährlichkeit des Virus aus seiner Sicht größer. Die vielen Toten in Italien und Spanien führt er nicht auf das Virus selbst, sondern auf die schlechte Ausstattung und Hygiene in den Krankenhäusern zurück.
Die wichtigste Antwort auf Hockertz' aktuelle Aussagen ist laut BR-Gesundheitsexpertin Turczynski: "Wir wissen das alles nicht genau." Mit Vergleichen zwischen Influenzua und dem neuen Coronavirus sei Zurückhaltung geboten. Zwar hätten die beiden ähnliche Krankheitsbilder. Aber im Fall von Corona gebe es weder Medikamente noch Impfstoffe, anders als gegen die Influenza. Corona sei außerdem ansteckender und verbreite sich deutlich schneller als die Influenza, so BR-Gesundheitsexpertin Jeanne Turczynski. Auch das ist hier näher ausgeführt.

 

Es hat sich inzwischen herumgesprochen, dass nicht nur in Italien, sondern auch in den meisten anderen Ländern, jeder mit dem Corona-Virus infizierte Verstorbene als Corona-Toter gerechnet wird. Der FF bestätigt das weiter unten auch.
Es sollte auch einem Laien klar sein, dass derartige Zahlen keine Aussagekraft haben, da sie ja nichts über die Wirkung (und damit die Gefährlichkeit) des Virus sagen.

Diese bemisst sich an der Morbidität und letztendlich der Letalität, die es verursacht. Mit anderen Worten, an den Erkrankungen und Todesfällen, die aus der Infektion resultieren. Dabei ist die Infektion selber quantitativ nur als Hilfsgröße von Interesse.
Daher hat man so weit ich weiß bei noch keiner Pandemie oder auch nur Epidemie vor Covid-19 die verstorbenen Infizierten gerechnet, sondern die Übersterblichkeit (eigentlich müsste jeder Verstorbene obduziert werden, was praktisch aber unmöglich ist).

 

 

An Corona gestorben - oder mit Corona?
Hockertz behauptet auch, dass die meisten Menschen, die jetzt als Corona-Todesfälle gezählt werden, “so oder so gestorben” wären. Sie seien mit Corona gestorben und nicht an Corona.
Richtig ist, dass jeder Mensch, der positiv auf das neue Coronavirus getestet wurde und stirbt, als Corona-Todesfall gilt (hierzu dieser #Faktenfuchs).
Der faktenfinder der Tagesschau weißt auf einen weiteren Widerspruch in den Aussagen des Immunologen hin. So behauptet Hockertz, dass nur rund fünf Prozent der Bevölkerung mit einem schweren Verlauf einer Covid-19 Erkrankung zu rechnen hätten. Er sagte, dass zu den besonders von einer Ansteckung gefährdeten Gruppen "Alte, Kranke, vorgeschädigte Menschen und Raucher" gehören.
Doch alleine die Anzahl der Raucher liegt in Deutschland laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bei 23 Prozent der erwachsenen Bevölkerung. Hinzu käme, so der faktenfinder der Tagesschau: "Mehr als 20 Millionen Menschen sind älter als 60 Jahre alt. Und es gibt eine Reihe von Risikofaktoren bei Millionen Menschen durch Vorerkrankungen." Daraus ergebe sich eine Risikogruppe von deutlich über fünf Prozent. Experten rechneten damit, dass die Erkrankung "bei 20 Prozent der mit Covid-19 Infizierten schwer" verlaufe, so der faktenfinder.

 

An oder mit – genau das ist die Frage.


Wir leben und sterben mit Milliarden Bakterien, Viren und anderen Mikroorganismen im Körper. Man könnte also für jede Mikrobe eine Statistik a lá Coovid-19 erstellen…

„Richtig ist, dass jeder Mensch, der positiv auf das neue Coronavirus getestet wurde und stirbt, als Corona-Todesfall gilt. "Genau das meint Hockertz wenn er sagt, sie seinen mit, nicht zwingend an Covid 19 gestorben. Wo der „Faktenchecker" da einen Widerspruch sieht, bleibt im Dunkeln.

Woher der FF die Annahme hernimmt, dass in diesem Zusammenhang alle über 60 zur Risikogruppe gehören, ist nicht nachvollziehbar. Das Durchschnittsalter der italienischen Corona-Toten liegt momentan um die 80 Jahren.

Die fünf Prozent beziehen sich außerdem offensichtlich auf eine Kombination verschiedener Risikoeigenschaften. Es sollte jedem klar sein, dass auch ein Virologe weiß, dass mehr als fünf Prozent der Bevölkerung in hohem Alter und/der Raucher und/oder relevant vorerkrankt usw. sind.

Wieder mal ein Teil aus der beliebte Serie „Dinge widerlegen die keiner behauptet hat“.

Weitere Faktoren könnten Rolle bei der Corona-Pandemie spielen
Allerdings könnten sogar noch weitere Faktoren eine Rolle bei der Ausprägung der Corona-Fälle spielen, etwa die Luftqualität (hierzu dieser #Faktenfuchs).
Jeanne Turczynski warnte im Bayern3-Podcast dennoch davor, voreilige Schlüsse zu ziehen. Keiner könne derzeit behaupten, in Bezug auf die Gefährlichkeit von Corona schon die Wahrheit zu kennen. Die Politik müsse Entscheidungen treffen. Derzeit finden manche die Maßnahmen zu spät oder zu milde, manche finden sie zu früh oder zu einschneidend. Zum jetzigen Zeitpunkt aber seien abschließende Urteile nicht möglich, so Turczynski.


Fazit


Für Bewertungen des Corona-Virus, die es auf eine mit Influenza vergleichbare Stufe stellen, ist es zu früh.

 

Hockertz´ Aussagen zur Hygienefrage und zur Luftqualität werden vom FF bestätigt.

Die Warnung von Jeanne Turczynski, „voreilige Schlüsse zu ziehen“, wird sachlich nicht untermauert. Was sagt uns also der Artikel?

 

Es bleibt ein schales Gefühl. Welche der Aussagen hat der FF hier eigentlich widerlegt oder auch nur infrage gestellt? Worauf bezieht sich der Schluss, dass die Bewertung des Corona-Virus seitens Hockertz verfrüht sei?

Hockertz´Grundaussagen, dass das MIT mit dem AN Corona de facto gleichgesetzt wird, nein. Es wird nicht darauf eingegangen, wie sinnhaft die statistische Erfassung der MIT-Verstorbenen ist.
Andere  angeführte Faktoren wie Luftverschmutzung und die Zustände in der medizinischen Versorgung werden bestätigt (FrauTurczynski hat sich mit diesen Fragen schon anderenorts beschäftigt).

Positiv bleibt zu vermerken, dass sich der FF nicht zu persönlichen Diffamierungen und dem Lächerlichmachen des Kritisierten hinreißen lässt. Sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein und es wird hier nicht erwähnt, weil der BR-FF das sonst gewohnheitsmäßig machen würde. Leider ist es aber – wenn man generell auf die ÖR-Faktenchecker und deren Derivate schaut – leider nicht mehr allzeit erwartbar, daher die Anmerkung.

In der Sache sagt und der Artikel - nichts (trotz positiven Faktenchecks wird ein konträrer Schlussatz gezogen).

Es ist nur eine Positionierung, eine Distanzierung, um die „richtige" Haltung zu markieren.

Nicht mehr und nicht weniger.

Wikipedia diskutiert Hockertz zu ,,löschen"