The Grandmaster of Faktenfinderei himself

Patrick Gensing; Corona-Pandemie Übersterblichkeit deutlich gewachsen

In seinem Artikel Übersterblichkeit deutlich gewachsen verfolgt der kritische Qualitätsjournalist die These, dass die Übersterblichkeit im Zusammenhang mit Corona deutlich gewachsen sei. Aus der Überschrift wird nicht klar, dass sich die die Aussage auf die Sterblichkeitskurve der aktuellen Erkrankungswelle bezieht. Der Autor gibt nur den Zeitraum an, in dem sich just Covid-19 statistisch besonders niedergeschlagen hat. Danach vergleicht Gensing die Zahlen tabellarisch mit den gleichen Zeiträumen (KW 12 – 15) der Jahre 2020, 2019 und 2017 um zu zeigen, dass die jetzigen Zahlen höher waren und konstatiert hier eine „teilweise extreme Übersterblichkeit … unter anderem in Frankreich, Italien und Spanien“.

Dadurch suggeriert der Autor, dass die Übersterblichkeit 2019 in Europa exorbitant hoch wäre. Gleichzeitig wir die Botschaft vermittelt, die Übersterblichkeit wäre in den Jahre vorher überwiegend negativ gewesen und damit der Abstand zur jetzigen Epidemie extrem. Er vergleicht also nicht die Erkrankungswelle, sondern nur die Zeiträume.

Das ist so als wenn man sagt, der ICE war um 9.00 Uhr langsamer als die Regionalbahn (der ICE war da kurz vor der Einfahrt in den Hauptbahnhof, die Regionalbahn auf freier Strecke). Das ganze wird mit zwei drei weiteren Zeitpunkten untermauert und wir können alle sehen, dass der ICE langsamer ist als die Regionalbahn. Das wäre zu den konkreten Zeitpunkten richtig, in der Sache aber irreführend.

Interessanterweise verlinkt der Autor zur Sterbestatistik und wenn wir uns da die Kurven ansehen, sehen wir, dass die Übersterblichkeit in der Spitze sehr wohl etwas höher ist in den letzten Jahren, aber keinesfalls so dramatisch, wie die Zahlenauswahl es suggeriert. Auch ist auf dem ersten Blick zu erkennen, dass die Übersterblichkeit auch in den Vorjahren weit über dem langjährigen Durchschritt gelegen hat.

Woher kommt das verzerrte Bild?

Die Übersterblichkeit war bei den Grippewellen in den letzten Jahre eher in den ersten Wochen des Kalenderjahres hoch, während sie bei Covid-19 erst im April drastisch anstieg. 2018 fiel die Zahl etwas später ab, so dass Gensing sie nicht in die Statistik rein nahm. Die höchste Zahl zwischen 2017 und 2019 wurde mit 16.247 in der KW 2 des Jahres 2017 erreicht ( (2018 1. KW 11.651, 2019 in der 6. KW 7.393). Für 2020 waren es in der KW 15 mit 20.975 zwar höher, doch muss ja der Gesamtverlauf betrachtet werden und den können wir erst nach Abschluss der Saison betrachten (s.u. kumulierter Verlauf).

Das kann Herrn Gensing nicht entgangen sein. Daher kann seine Auswahl der Daten nur als manipulativ bezeichnet werden um eine gewünschte These zu bestätigen. Für einen „Faktenchecker“ sehr bemerkenswert.

Später schreibt er, dass die 25.000 Übersterblichkeit in Deutschland der Grippesaison sich auf „auf einen Zeitraum von mehreren Monaten“ bezogen hätte. Das stimmt in der Summe, aber nicht im Verlauf. Wie jede andere Epidemie verlief auch hier der Infektionsverlauf und damit die Sterblichkeit in einer Glockenform, so dass die meisten Todesfälle innerhalb weniger Wochen zu beklagen waren. Das hat damals medial fast niemanden interessiert.

Hier ein Beispiel aus Österreich. Es ist klar erkennbar, dass die meisten Todesfälle innerhalb weniger Woche stattfinden.

Quelle: AGES - Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit GmbH

Gensings Artikel ist typisch für den neuen Journalismus, der sich nicht wie anderen Orts in alternativen Fakten übt, sondern seine Sicht der Dinge durch eine zielbewusste selektive Wahrnehmung realisiert. Die von Gensing angeführten Zahlen sind korrekt, der aus der Auswahl der Zahlen hergeleitete Schlusssatz jedoch nicht haltbar.

Wahrheit besteht immer aus der Komponenten: Faktentreue, Relevanz und Vollständigkeit. Mit den Punkten zwei und drei nehmen es all die Gensings nicht so genau, da ja Haltung wichtiger ist als die schnöde Realität.

Diese Art von Journalismus braucht – außer den Regierenden – kein Mensch...

Gensings Auswahl

Kalenderwoche Jahr Übermäßige Todesfälle insgesamt Altersgruppe 65+
12 2020 9255 8268
  2019 -381 -395
  2017 -1270 -1395
13 2020 17344 15935
  2019 -793 -816
  2017 -1074 -1064
14 2020 17233 16117
  2019 577 438
  2017 -1137 -1181
15 2020 9300 9476*
  2019 -187 -255
  2017 -1016 -1092

Richtiger Journalismus

... würde den Verlauf der Erkrankungswellen vergleichen, nicht genau den Zeitraum, der am besten in die eigene Ausgangsthese passt.

Oder einfach die kumulierte Übersterblichkeit betrachten:

Quelle: Euromomo Graphs and maps

Ein Tabelle könnte auf die Anzahl aller Todesfälle abzielen und da folgendermaßen aussehen.
Jahr KW um den Pik Todesfälle alle Altersgruppen Altersgruppe 65+
2020 13 71.202 60.629
2019 5 62.124 51.805
2018 52 (2017) 63.177 54.307
2017 1 69.142 57.982
2020 14 72.789 62.718
2019 6 62.171 52.118
2018 1 65.948 55.186
2017 2 70.665 59.527
2020 15 73.149 63.121
2019 7 60.417 50.180
2018 2 64.661 54.307
2017 3 67.720 57.982